URBNANCE

Urbane Mensch-Natur Resonanz für eine Nachhaltigkeitstransformation

URBNANCE Blog

Mensch-Natur Beziehung hautnah erleben

In der letzten Septemberwoche 2025, durfte ich bei der PhD summer school zu Human-Nature Relationships for Transformative Change in Wageningen, Niederlande dabei sein. Alle Teilnehmenden arbeiten an Themen, die auf die ein oder andere Weise Bezug nimmt auf die gestörten Mensch-Natur Verhältnisse, um Wege zu finden, um sich wieder mit der Natur zu verbinden. Es gab Forschung zu dem Thema Dunkelheit, wie wir als Menschen mit Pflanzen als responsive Wesen in Beziehung treten oder auch wie wir Trauer empfinden, wenn es um die Zerstörung von Natur geht. Mich hat es wirklich sehr beeindruckt, wie viele unterschiedliche spannende Themen rund um das Thema Mensch-Natur Beziehungen erforscht werden und mit welchen Enthusiasmus und persönlichen Engagement meine Mitforschenden ihre Forschungsinteressen bearbeiten. Durch diese unterschiedlichen Themen waren natürlich auch diverse Expertisen vertreten, sowohl was Theorien und Konzepte betrifft, aber eben auch methodische Herangehensweisen. Dabei war die Resonanz Theorie von Hartmut Rosa, die ich ja auch selbst in meiner Forschung anwende, durch zwei weitere Wissenschaftlerinnen vertreten. Darüber hinaus haben wir aber auch viel über das Thema embodiment gesporchen, über Emotionen, relational values oder auch das Konzept von stewardship.

Unsere summer school Woche wurde dabei von Maria Tengö, Koen Arts, Chris Ives and Arjen Buijs organisiert, die es wirklich geschafft haben einen einzigarten Raum für Austausch und Verbidnung zu schaffen. Darüber hinaus haben wir uns mit der Natur über verschiedene Wege verbunden und wurden zum Beispiel von Beitkse Bouwman in einem Ritual geleitet: connecting to nature, place and self. Wir haben uns von Bas Verschuuren inspirieren lassen, der uns über die Restaurierung des Heelsums Beekdal als biokulturellen Ort erzählt hat. Lion Kaspar hat mit und sein Ritual durchgeführt das sich auf Trauer und Hoffnung für die Natur konzentrierte, angelehnt an Ideen von Joana Macey. Arjen Wals, Riyan van den Born, Jamila Haider und Jeanne Nel waren weitere erfahrende Wissenschaftler:innen, die uns ihre Forschung zu Mensch-Natur Beziehungen näher brachten und somit spannende Diskussionen und neue Impulse für die Gruppe setzten. Zum Abschluss hat uns Kees van Veluw dann auch noch Wageningens eigenen Waldgarten Doevendall näher gebracht. Was mich jedoch am meisten beeindruckt hat im Rahmen der summer school, war der 3 tägige Aufenthalt in der Natur mit camping direkt zu Beginn, was ein echter Versuch war Mensch-Natur Beziehung zu praktizieren und zu erleben.

Ein Blick auf das Heelsums Beekdal (Foto: M. Ramisch)

Heelsums Beekdal

Als Forschende sitzen wir normalerweise ja viel vor unseren PCs, denken über unsere Forschung nach, wälzen Theorien und Konzepte, um eben besser zu verstehen, was wir uns da im spezifischen anschauen. Irgendwann kommt dann hoffentlich auch der Moment, an dem wir da „raus gehen“ und Daten sammeln, mit Menschen reden, mit der Natur in Kontakt kommen, aber auch das unterliegt meistens einem genauen Plan, einer Struktur und ist zeitlich doch sehr begrenzt. Zumindest hat es sich so weitestgehend angefühlt, wenn ich an meine empirische Arbeit zurückdenke. Natürlich hat man als forschende Person, als Mensch, so seine ganz eigene Mensch-Natur Beziehungen, die auf die ein oder andere Weise Teil unseres täglichen Lebens ist, vor allem, wenn wir nicht am arbeiten sind. Meine Mensch-Lebensmittelbeziehung, die ich im allgemeine versuche zu beforschen und die im speziellen ja auch Teil meiner Mensch-Natur Beziehung ist, ist täglich im Einsatz, wenn ich koche, esse oder eben Lebensmittel einkaufe. Über die Jahre habe ich dabei natürlich auch Gewohnheiten etabliert, ein stabiles in Beziehung treten mit den Lebensmitteln ermöglicht und das auch stark von einem nachhaltigen Mensch-Natur Verhältnis geprägt ist, jedoch nehme ich die einzelnen Gründe und diese Verbindung im Alltag kaum bewusst wahr.

Unser Camp für die ersten drei Tage der summer school (Foto: unbekannt)

Camp während der Summer School

Was mir diese drei Tage ermöglicht haben ist ein ganz bewusstes Verbinden mit der Natur, ohne permanent das eigene Handy oder den Laptop zur Hand zu nehmen not. Dadurch war die Natur präsent und lebendig, anfassbar und ich habe wahrgenommen wie sie mir einerseits ganz viel Energie und Ruhe vermittelt, mich aber auch auf der anderen Seite vor Herausforderungen stellt und in unbequeme Situationen bringen kann. Man schwingt sich so ein bisschen ein mit dem was einen umgibt und die verschiedenen Entitäten werden einem vertraut, fernab von dem sonst so beschleunigten Alltag und den Ablenkungen, auf die ich mich normalerweise auch gut und gerne einlasse. Besonders das kochen in der Natur war eine besondere Erfahrung. Wir mussten das Feuer gut umsorgen, gemeinsam alles vorbereiten, geduldig auf das leckere Essen warten und auch schauen, das eben alle satt werden. Danach gemeinsam im schönen Gespräch oder in zufriedener Stille das Essen zu genießen, war wirklich eine der schönsten Momente der summer school.

Ein Traum von einem selbstgeschnitzten Löffel (Foto: M. Ramisch)

Selbstgeschnitzter Löffel

Wir haben uns sogar im Schnitzen versucht und zu meiner Überraschung, hat es mir wirklich sehr viel Freude bereitet. Es ist für mich ein relativ bekanntes Phänomen, dass wenn man sich einmal in den Kopf gesetzt hat, dass man nicht sonderlich gut ist in irgendetwas, man auch versucht besagte Sache zu vermeiden. Ich selbst halte mich nicht besonders als handwerklich begabt und trotz allem war es nicht nur Spaß, sondern auch wirklich ein richtiges Erfolgserlebnis, das mir zudem noch einen ganz besondere „mentale Pause“ beschert hat. Es war schon fast wie eine kleine bewegte Meditation, das Holz und meine Vision für diesen Löffel, ohne zu viel Gedanken an all das zu verschwenden, was mir sonst so im Kopf herumsaust. Gemeinsam mit einer anderen Teilnehmenden hatten wir uns für ein Stück Holz entschieden, dass von sich aus schon so eine schöne Kurvung mit sich brachte und inspiriert von Koen Arts haben wir dann auch versucht, nicht das Holz zu unsere, Löffelideal zu biegen, sondern eben diese besondere Biegung mit einzuarbeiten. Das war bereits eine Erkenntnis im Umgang mit der Natur, die ich mitnehmen durfte.

Am Ende des Camping Trips, habe ich dann noch eine weitere Erfahrung gemacht, die mich bis heute gedanklich beschäftigt und wirklich einen gewissen transformativen Moment mit sich brachte. Chris Ives hat eine Übung mit uns durchgeführt zu contemplative ecology. Als Gruppe sind wir dafür zu einer kleinen Lichtung nicht weit von unserem Camping Platz spaziert. Wir haben dann verschiedene Phasen durchlaufen, in denen wir mit einzelnen Entitäten des Waldes, aber auch der allgemeinen Umgebung in Kontakt getreten sind. Wir haben versucht zu spüren wer oder was mit uns „spricht“ und ob und wie wir vielleicht auch antworten können. An diesem Punkt will ich anmerken, dass ich persönlich größere Schwierigkeiten mit dem Begriff Spiritualität habe. Es ist für mich ein im Allgemeinen negative konnotierter Begriff und ich empfinden mich auch selbst nicht als spirituell oder wirklich in der Lage Spiritualität zu praktizieren. Das führt dann auch manchmal soweit, dass ich sogar Schwierigkeiten habe, die Wahrhaftigkeit der Spiritualität von anderen zu akzeptieren. Ich kann dabei noch nicht einmal genau sagen, was es für mich zu einem so schwierigen Begriff macht, aber ich tue mich in jedem Fall schwer meine eigene Spiritualität zu anzuerkennen. Diese Erfahrung jedoch, hat mich wirklich wieder einen Schritt näher zu dem Begriff gebracht und zu dem was er bedeutet und ermöglich kann. Ich habe mich mit dem Wind sehr verbunden gefühlt, zugehört und gesehen wie er sich bewegt, mit ihm getanzt und sogar ein wenig vorgesunden und dabei habe ich mich noch nicht einmal sonderlich albern gefühlt. Während ich darüber schreibe, kommt da wieder das Gefühl von Scham, aber ich fühle mich mittlerweile sicher genug, um vor allem Dankbarkeit für diese Erfahrung zu empfinden. Am Ende ist Spiritualität eben doch auch ein Weg, um sich mit der Natur (wieder) zu verbinden.

Ein Gruppenfoto der Teilnehmer:innen (Foto: unbekannt)

Gruppenfoto

Ich bin wirklich sehr dankbar für diese ganzheitliche Woche und vor allem für die Teilnehmer:innen und Organisator:innen sowie Vortragenden. Es war eine durchweg wohlwollende Atmosphäre, in der man sich sehr willkommen gefühlt hat und das ist ein Zustand, den ich so in der Forschung noch nicht oft erleben durfte. In dieser Gruppe habe ich mich wirklich zu Hause gefühlt, als Person, aber auch vor allem inhaltlich was mein Forschungsinteresse angeht.

Autorin: Mabel Ramisch

Wenn Du weitere Anmerkungen oder Fragen zum Essay hast, bist Du herzlich eingeladen, die Autorin zu kontaktieren: m.ramisch@ioer.de.

2025

Oktober

Mensch-Natur Beziehung hautnah erleben

Wer plant mit? - Mensch-Natur-Stimmen im Rollenspiel

Erfahrungsbericht: Fokusgruppen-Workshop zur Förderung einer nachhaltigen Ernährung

Mai

Die Welt, wie sie Kindern als Resonanzwesen begegnet, und die Worte, die sie für ihre Entdeckungen wählen.

März

Wert_schätzung: Wie können wir die vielfältigen Werte der Natur in der Stadt besser erkennen und berücksichtigen?

2024

August

Intra-View Erkenntnisse: Eine reflektierende Reise zur Mensch-Lebensmittel-Resonanz in öffentlichen Kantinen

Februar

Mit Freude geben und nehmen – Impulse von Robin Wall Kimmerer über eine positive Partnerschaft mit der Natur

Januar

"Und wie sieht deine Welt aus?"
Gesellschaftliche Formierungen von Weltbildern und ihre Wandelbarkeit dank psychischer Flexibilität.
Plus: abschließende Tipps von Maude


2023

Dezember

Indigene Weltanschauungen als ernstzunehmende Utopie? – Über den Wandel von Weltbildern und das, was wir als Weltgemeinschaft von indigenen Weltanschauungen lernen können

Oktober

Natur auf Augenhöhe begegnen – ein explorativer Spaziergang durch die Gärten von Schloss Trauttmansdorff in Meran

Juni

Mit dem Herzen schauen – Über individuelle Mensch-Natur-Resonanz, ein gemeinsames Dilemma mit Antoine de Saint-Exupéry sowie eine nachhaltigkeitsbezogene Erklärung an die Leser*innen

Patagonien – ein Ort für resonante Beziehungen?

Mai

Demut vor der Unverfügbarkeit des Schlafes – Über Zyklen, Schlafrituale und Mutter Erde

Februar

Wo ist die Liebe?
Skizzen der Verwunderung, des Selbstmitgefühls und eines Mutmachers angesichts multipler Krisen


2022

November

Der Natur unsere Stimme leihen – im Rollenspiel auf der Suche nach Partnerschaften mit der Natur

Oktober

Von Krise zu Resonanz: ein Sommerkino

September

Ein Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit in Zeiten der Ohnmacht.
Sorge um die Natur in der Stadt.

Juli

Die Unverfügbarkeit einer eigenen Stimme. Was will Amos wirklich "sagen"?

Juni

Flötenspiel (1940) von Hermann Hesse: eine resonanzspezifische Analyse und Einbettung in den Nachhaltigkeitskontext

Mai

Erste Erkenntnisse zu urbanen Mensch-Lebensmittel-Beziehungen durch die Interaktion mit Stadtbewohner*innen in Dresden

In mir ‒ in uns

März

Responsive Beziehungen:
Das Wunder der Verletzlichkeit

Januar

Liebende Seelen – liebende Herzen


2021

Dezember

Christmas ‒ eating in the spirit of the feast of love?

Nurturing our relation with nature and ourselves in the dark season