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Kraniche fallen vom Himmel und die Sorge um die Weihnachtsgans steigt

In den letzten Wochen ist die Berichterstattung zur Verbreitung der Vogelgrippe in Deutschland regelrecht explodiert. Dabei stehen vor allem die ökonomischen Verluste in der Massentierhaltung sowie Ängste vor möglichen Versorgungsengpässen im Fokus. Wie so häufig richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem auf menschliche Bedürfnisse und wirtschaftliche Risiken, während massenhaft Wildvögel sowie sogenannte Nutztiere wie Gänse und Puten sterben.  Das Friedrich-Löffler Institut, das Bundesforschungsinstitut für Vogelgesundheit, berichtete bereits über beinahe eine Millionen gekeulte Vögel in der Massentierhaltung. Allein schon das Wort keulen, das laut Duden nichts anderes bedeutet als Nutztiere zu töten, um Tierseuchen einzudämmen und zu verhindern, ist in sich unfassbar brutal. An diesem Beispiel zeigt sich die ausbeuterische Mensch-Tier-Beziehung unserer Gesellschaft noch einmal in ihrer unverblümten Form, indem es der unausweichliche Weg zu sein scheint, das Leben von Vögeln vorzeitig zu beenden.

Reißerische und wahrheitsverzerrende Überschriften zur Vogelgrippe (Quelle: Goslarsche Zeitung)

Ich vernehme jedoch auch deutlich, dass die Krise um die Vogelgrippe in der deutschen Berichterstattung eben doch nicht nur monetär betrachtet wird, sondern zum Beispiel auch unter dem Aspekt des Biodiversitäts- und Naturschutzes. Dies zeigen weitere Beiträge von Naturschutzverbunden wie den Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern oder auch der BUND, die sich Sorgen um die Wildvögel machen und diese als Opfer betiteln. Dieser Umstand ist ein prägnantes Bespiel für kognitive Dissonanz im Zusammenhang mit dem sogenannten Meat-Paradox, wodurch die Vögel vornehmlich von Verbraucher:innen, die eben auch Fleisch konsumieren mit zweierlei Maß gemessen werden. Diejenigen Vögel, die als schön gelten, als Bestandteil der Natur, die die Landschaften schmücken und ein Gefühl von Weltverbundenheit und einer funktionierenden Umwelt geben, scheinen demnach auch schützenswert zu sein. So ist der Kranich, der dieses Jahr besonders betroffen ist, eine Vogelart, die diesem Narrativ wunderbar in die Hände spielt. Groß und außergewöhnlich oder auch „charismatisch“. Mir scheint, dass man eben vor allem diese Vögel nicht tot auf Feldern sehen möchte. Im starken Kontrast dazu, stehen die anonymen, zur Unscheinbarkeit modifizierten und optimierten Nutz-Geflügel, gefangen in ihren Ställen und unsichtbar. Aber warum berührt das Sterben dieser Tiere Teile der Gesellschaft so anders und letztendlich auch so viel weniger?

Der Kranich, als Verlierer der diesjährigen Vogelgrippe (Quelle: Stephanie Tübbecke/NABU-naturgucker.de)

Eine Reihe an wissenschaftlichen Beiträgen hat sich mit dieser Frage aus psychologischer Sicht immer wieder befasst. Was ich zuvor als kognitive Dissonanz eingeführt habe, beschreibt die Tierliebe, die Menschen in sich tragen können und dann aber nicht in der Lage sind, auf sogenannte Nutztiere zu übertragen. In der Wissenschaft wird dies als Belief-Behavior Inconsistency betitelt und im Rahmen des Fleischkonsums als Meat-Paradox beschrieben. In Melanie Joys Buch mit dem Titel „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ wird genau diese Abspaltung von Gefühlswelten anhand als unterschiedlich wertvoll betrachteten Tiere umschrieben. Und auch aus Resonanzperspektive ist Fleischkonsum und somit die Beziehung zu den jeweiligen Tieren als in sich entfremdet zu deuten. Dass wir überhaupt Tiere aus der Massentierhaltung konsumieren können, wäre im Sinne dieser sozialwissenschaftlichen Theorie eben nur möglich, weil wir die Tiere nicht als responsives Gegenüber betrachten – keine eigene Stimme, keine eigenen Bedürfnisse, stetig verfügbar. Anders als der Kranich, bei dem Mitgefühl die Berichterstattung dominiert und es starke Bemühungen gibt Lösungen zu finden, die eben nicht nur ein Töten dieser Wildtiere vorsieht – so wie es vor allem bei den sogenannten „Nutzvögeln“ praktiziert wird.

Durchaus wird derweil auch nach Lösungen gesucht, um die Vogelgrippe in den hiesigen Stellen einzudämmen, die nicht nur das Keulen der Vögel bedeutet, nur ist das Motiv dahinter ein vorwiegend anderes. „Wird die Martinsgans in diesem Jahr besonders teuer?“, fragt sich nun anscheinend die Bild Zeitung. Weiter werden Gänse auf Wunsch bereits früher geschlachtet, damit sie auch ja noch verfügbar sind für Weihnachten. Aber generell bräuchte man sich ja keine Gedanken machen, denn die meisten Gänse für die kommenden Feiertage stammen sowieso aus Osteuropa und werden importiert. Trotz allem bleibt die Sorge um wirtschaftliche Einbuße bei den Bauern und Bäuerinnen der Geflügelzucht. Eine dabei bereits weitreichend umgesetzte Maßnahme ist die sogenannte Stallpflicht. Um das wertvolle Fleisch zu schützen, müssen diejenigen Vögel, deren ein wenig freier Auslauf gegönnt war, nun in ihren Ställen verweilen. Natürlich kann man nun sagen, dass dadurch ja auch das Leben geschützt wird, weil die Tiere im besten Fall nicht an der Krankheit sterben und das sei ja auch wesentlich menschlicher. Die bittere Wahrheit ist jedoch, dass die massenhafte Haltung von Tieren – wie sie die Fleischindustrie bedingt – sie erst in diese Krankheitsrisiken bringt. Diese Zusammenhänge gilt es kritisch zu hinterfragen. Sind die Zustände der Massentierhaltung und damit einhergehende Problematiken und notwendige Handlungen, wie hier die Verbreitung der Vogelgrippe, Praktiken, die den Missbrauch von nicht-menschlichen Tiere weiter vorantreiben, eventuell grundsätzlich zu ändern? Und diese Frage würde ich persönlich definitiv mit Ja beantworten, wie dieser Essay sicherlich bereits nahelegt.

Die Journalistin Britta Fecke sieht das ähnlich und beschreibt in ihrem Kommentar beim Deutschlandfunk, dass wohl das Ende der Massentierhaltung der beste Schutz wäre. Der NABU liefert auch noch einmal einen umfassenderen Blick auf die Lage und zeigt, dass die Infektionslinie erstens keine Einbahnstraße ist und somit nicht nur die Wildvögel die Geflügelställe verseuchen, sondern, dass der Virus eben auch in den Betrieben regelrecht wütet und nach Außen getragen wird. Außerdem verweist der NABU sowie weitere Naturschutzorganisationen auf den eigentlichen Ursprung des mutierten und für die Vögel so gefährlichen H5N1 Virus. So sind letztendlich ostasiatische Geflügelbetriebe zu verantworten und entsprechende globale Handelswege. Es zeigt sich wieder einmal, welche gravierenden Auswirkungen das massengesteuerte Konsumverhalten, in diesem Fall der Konsum von als Nutztiere degradierten Vögeln, auf die Natur hat und wie dies letztendlich auch wieder negativ auf uns Menschen und unsere Lebensweisen zurückfällt. Die Vogelgrippe, die darum einhergehende Berichterstattung und die daraufhin beschlossenen Maßnahmen sind für mich ein Beispiel tiefer Entfremdung von uns Menschen zur Natur und den Tieren. Eine Entfremdung, die immer wieder aufschreit, auftaucht, sich regelrecht Gehör verschaffen will und Änderung bedarf, in der wir – Menschen, Natur und Tiere uns auf Augenhöhe begegnen und wo immer möglich, Ausbeutung und Dominanz strikt verneinen sollten.

Autorin: Mabel Ramisch

Wenn Du weitere Anmerkungen oder Fragen zum Essay hast, bist Du herzlich eingeladen, die Autorin zu kontaktieren (m.ramisch @ioer.de).

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