Einleitung
Aktuelle Debatten in den
Nachhaltigkeitswissenschaften weisen vermehrt darauf hin, neben äußeren
Faktoren wie staatlichen Regulierungen und Steuern zur Beeinflussung des
individuellen Verhaltens auch innere Dimensionen in der Forschung zu
berücksichtigen. Während die äußeren Faktoren als vergleichsweise flache
Hebel (sogenannte "shallow leverage points") der
Nachhaltigkeitstransformation bezeichnet werden, soll der Wandel von Weltbildern in Bezug auf unser
Naturverständnis ein besonders tiefer und effektiver Hebel
(sogenannter "deep leverage point") sein. Um auch bei
uns im URBNANCE-Team die flachen und tiefen Hebel zu reflektieren und
sie auf unser Verständnis von Mensch-Natur Resonanz anzuwenden hatten
wir damals, noch zu Beginn des URBNANCE-Teams, einen Workshop dazu
veranstaltet, der unter Anderem zu folgendem inhaltlichen Ergebnis
geführt hat:
Manchem/r Leser*in werden in der letzten Zeile unter den Überschriften Worldviews/ paradigms, die beiden hervorgehobenen Sätze auffallen: Während (links) eine resonante Mensch-Natur-Beziehung darauf begründet ist, dass die Individuen jedem Wesen eine Seele zusprechen und die Berücksichtigung der Relationalität mit Allem hervorgehoben wird, geht (rechts) ein anthropozentrisches Weltbild vielmehr davon aus, dass allein der Mensch Würde und Rechte besitzt und dies seine Handlungsmaxime darstellt.
Gesellschaftlicher Einfluss auf Weltbilder
Um genauer zu verstehen, wie Weltbilder entstehen und geformt werden, gilt es, die jeweiligen Menschen zu verstehen, die diese Weltbilder in sich tragen. Jedoch sind alle Lebewesen – und somit auch Menschen – unglaublich divers. Auch soziale und psychologische Prägungen, wie wir uns als Individuen im Laufe der Zeit entwickeln, was uns wichtig ist und welche Wege wir einschlagen sind unheimlich komplex. Dennoch sind sich Soziolog*innen sicher, dass wir Menschen auch über bestimmte geographische Gebiete kulturell und sozial geprägt werden. Wenn ich da an mich denke, fällt mir Folgendes spontan ein: Ich bin zum Beispiel in den 90er-Jahren hier in Deutschland aufgewachsen, wo christliche Feste wie Weihnachten und Ostern sicherlich von Bedeutung waren (eine Journalistin, die ich leider jetzt nicht mehr im Netz finde, bezeichnete Weihnachten zuletzt als „soziale Synchronisierungspower“), Frauenrechte waren noch weniger stark ausgeprägt als heute (es gab noch keine Bundeskanzlerin und auch das Strafgesetzbuch sah Vieles noch nicht vor) und eine ganze Generation (die bekannte Generation Y) schaute japanische Animés und las detektivische Jugendgeschichten.
Mit Hilfe soziologischer Vergleiche zwischen den Generationen wird vermehrt versucht, die Effekte dieser spezifischen generationalen Prägungen zu verstehen (wenn auch zunächst erst einmal vermehrt bezogen auf den Bereich Arbeit, wo es momentan auf Grund des Fachkräftemangels sehr akut ist). Aber wie verhält sich eine kulturelle Prägung im Vergleich zu einem anderen Land, in dem es andere Bräuche und Feste gibt, andere Werte von Bedeutung sind und Gesetzte andere Bereiche schützten?
Wenn ich da an die indigen-geprägten Verfassungen der Andenstaaten Ecuador oder Bolivien denke, in denen Natur als Rechtsperson geschützt wird und es Teil der Kultur der Menschen ist, Beziehungen zu Flüssen, der Sonne oder einem Berggott zu pflegen – welche Weltbilder werden durch solche Strukturen und Rituale gefördert? Als erklärenden Einschub möchte ich hier noch hinzufügen, dass indigene Völker in ihrer Existenz die vollkommene Abhängigkeit zur Natur als Geschenk bejahen. Sie betrachten sich als eine Familie mit Himmelsgestirnen, Pflanzen, Tieren und Erde, die durch ein Band der gegenseitigen Fürsorge gepflegt wird. Da aber nicht ein einzelnes indigenes Volk einen einzelnen Staat bildet, sondern die Vertreter*innen zumeist in einem oder mehreren Staatengebilden leben, können bei der Fragestellung, ob zum Beispiel spezifische Gesetzte einen signifikanten Unterschied im Lebensstil von Individuen machen, beispielsweise zwei Ländern hinsichtlich des Effektes auf ein nachhaltiges Leben, untersucht werden. Bislang gibt es bislang noch wenige solche kulturvergleichende Studien, allerdings wird vermehrt angenommen, dass andere naturbezogene Verfassungen und Gesetze, die in diesem Fall aus noch älteren indigenen Kulturen hervorgingen, einen nachhaltigeren Lebensstil bewirken.
Um zurück zu meinem Aufwachsen und meiner Generation zu kommen:
Verschiedene Aktivitäten, Erfahrungen und Rituale haben damit auch
geformt, was mir und uns wichtig ist und was wir als relevant erachten.
Sicherlich waren auch bei meiner Generation Erfahrungen und Wertesysteme
vorhanden, die für ein sozial-ökologisches Miteinander als weniger
förderlich angesehen werden. So konnten Wissenschaftler*innen aufzeigen, dass zum
Beispiel die großen monotheistischen Religionen, zu denen auch das
Christentum gehört, weniger gut geeignet sind, nachhaltiges
Verhalten hervorzurufen als beispielsweise animistische Religionen
oder der Buddhismus. Das vermag nicht zu überraschen basierend
auf der Tatsache, welchen Lebewesen in den jeweiligen Lehren, wie oben
beschrieben, welche Wertigkeit beigemessen wird. Bezogen auf das
Christentum hatte ich vor ein paar Wochen eine spannende Unterhaltung
mit einem jungen Pfarrer. Ich habe ihn danach gefragt, ob es seines
Erachtens in der Bibel denn auch Geschichten gäbe, in denen die Menschen
nicht die zentrale Rolle spielten. Er verneinte, es seien immer Menschen
im Mittelpunkt. Das ist aus meiner Perspektive ein entscheidender und
prägender Aspekt der christlichen Kultur, dass es diese
Mensch-Natur-Dichotomie gibt und dass der Natur nicht auch eine
fundamentale eigene Handlungsfähigkeit (Wissenschaftler*innen sprechen
hier von Agency) zugesprochen wird und sie sich selbst gehören darf. Da
Mensch-Natur-Resonanz, also ein sich
wechselseitiges Berühren und Berühren lassen, davon lebt, dass sich zwei
Entitäten auf Augenhöhe begegnen, könnte ein solches Weltbild, das den
Menschen als vornehmlichen Würdenträger betrachtet, erschwerend für ein
gleichberechtigtes Miteinander sein.
Wandelbarkeit von Weltbildern für die Nachhaltigkeitstransformation
Leider sind Weltbilder aber auch besonders schwierig und langwierig zu
ändern, denn in ihnen verbergen sich unsere Werte, unsere Identitäten
und das, was unserem Leben oftmals auch eine Richtung weist. Oftmals
werden Weltbilder bereits in der Kindheit geprägt. Dass Kinder, insbesondere in Städten, heute viel
weniger Zeit in der Natur verbringen, auf Bäume klettern und herumtoben, vermag deswegen den Wissenschaftlichen Beirat der
Bundesregierung zu Globalen Umweltveränderungen alarmieren.
Dabei zeigen Studien, dass gewisse, relativ einfach zu realisierende
Interventionen einen großen naturverbindenden Effekt haben. So zeigten
Umweltpsycholog*innen, dass alleine die Einführung
eines Naturkundeunterrichts bei Schüler*innen und Beschäftigung mit
Natur eine naturverbindende Wirkung hatte, der zudem Stress milderte
und die Kinder psychologisch stärkte. Eine andere
Interventionen, bei der eine Gruppe von Kindern im Kindergarten über ein
halbes Jahr jeden Tag draußen war, zeigte einen deutliche Verbesserung der emotionalen
Regulierungsfähigkeit der kleinen Kinder.
Hier zeigt sich deutlich die psychologische und auch physische
Verflechtung von äußeren und inneren Welten. Dass Interventionen dann
auch besonders effektiv sind, wenn sie körperbasiert sind, vermag demnach nicht zu
überraschen, da in unseren menschlichen Körpern die Emotionen
gespeichert sind, die eine Erfahrung erst zu einer Erfahrung machen,
wie der Pädagoge Prof. John Dewey eindrücklich schildert. Somit
bergen körper- und erfahrungsbasierte Methoden ein großes Potential,
aktuelle Weltbilder zu verstehen und als Gesellschaft hier behutsam und
verständnisvoll entgegenzusteuern. Während sich das kindliche Wesen noch herausbildet
und äußere Einflussfaktoren schnell verarbeitet, ist ein erwachsenes
Gehirn auch in seiner Physiologie weitaus inflexibler und
starrer. Während Psychotherapeut*innen mit Individuen an
gesünderen Lebenseinstellungen und Verhaltensweisen arbeiten, möchten
Transformationswissenschaftler*innen ganze Gesellschaften zu
nachhaltigeren Weltbildern bewegen. In der Psychotherapie und in der
Transformationsforschung ist man sich jedoch einig darin, dass es
Fingerspitzengefühl und Geduld bedarf, um einzelne menschliche Systeme
nicht zu überfordern und es den Individuen zu erlauben, neue
Anschauungen in ihre Lebenswelt zu integrieren. In diesen Tagen
beschäftigen sich viele Nachhaltigkeitswissenschaftler*innen mit eben
dieser Herausforderung und der Frage, wie Werte wie Mitgefühl, Rücksicht
und Liebe mit und für die Natur heute gesellschaftlich gestärkt werden
können. Dass sich Weltbilder und Werte in einem konstanten Wandel
befinden, hatte auch
meine Kollegin Maike in ihrem letzten Essay zu Indigenen Weltbildern
geschildert, der auch mich inspirierte, spezifisch über eigene
Weltbilder und retrospektiv deren Transformationen
nachzudenken.
Um aber von der Retrospektive in die Gegenwart und zu Zukunft zu kommen, möchte ich den Essay mit einer kleinen Sammlung an Interventionen enden. An jeder der erfahrungsorientierten Inventionen wird geforscht, um zu mehr Mensch-Natur-Verbundenheit und einem Werte- und Weltbildwandel im Sinne des tiefen Hebels für die Nachhaltigkeitstransformation beitragen:
Es vermag dabei auch nicht zu überraschen, dass einige dieser nachhaltigkeitsbezogenen Werkzeuge eine hohe Parallelität zu Werkzeugen aus der Psychotherapie aufweisen. Auch hier spielt direkter physischer Kontakt z.B. bei Expositionstherapien eine Rolle. Psychoedukation ist essentiell, um Individuen selbst mehr Handhabung mitzugeben und auch die Entwicklung spezifischer Fähigkeiten („Skills“) wird immer wieder hervorgehoben. Aber auch die reine Gesprächstherapie nach Carl Rogers, bei der in einer vertrauensvollen empathischen Konstellation Inhalte ausgetauscht werden, ist sehr wirksam. In den letzten Jahren hat durch zum Beispiel den argentinischen Psychiater und Autor Jorge Bucay auch das psychologische Geschichtenerzählen an Reputation hinzugewonnen.
Ausblick
So divers Menschen sind, so divers sind auch ihre ganz eigenen Zugänge zu ihren Weltbildern. Unabhängig davon sind Psychologie und Physiologie aber wandelbar, da sind sich Neurowissenschaftler*innen, Neurobiolog*innen und Therapeut*innen sicher. Eine mich und mein Weltbild sehr prägende Geschichte entstammt dem Film Harold und Maude, die Yusuf Islam (vormals Cat Stevens) auf einmalige Weise vertont hat. Hierbei hat insbesondere Maude einige Tipps für den Umgang mit Weltbildern parat.
Autorin: Susanne Müller
Wenn Du weitere Anmerkungen oder Fragen zum Essay hast, bist Du
herzlich eingeladen, die Autorin zu kontaktieren (s.mueller@ioer.de).
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